Zypern
Im Norden des geteilten Zypern

Insel der Aphrodite - 9.000 Jahre Zivilisation - frühe Kupferexporte - archäologische Schätze - Byzantinische Kirchen - Burgen und Kathedralen der Kreuzritter - Osmanische Moscheen - liebenswürdige Menschen - Rhythmus des Orients

Das nördliche, türkische Drittel der geteilten Insel ist ein Geheimtipp für Individualisten, die nicht unbedingt dahin wollen wo schon alle sind, um sich dann über Gedränge, Geldabzocken, Kriminalität, zubetonierte Küsten und Unfreundlichkeit zu ärgern. Die keine Strandparties, FKK, Schlangen von Reisebussen, Folkloreabende mit kostümierten Gästen und ähnliche massentouristische Rituale suchen. Für Reisende also, die sich am unverfälschten Gesicht einer Landschaft freuen, die es mögen, auch mal von Unbekannten auf der Straße gegrüßt, allenthalben gastfreundlich zu einem türkischen Kaffee eingeladen zu werden. Denn die Zyprioten sind gastfreundliche Menschen ganz eigener Identität, liebenswürdig, kommunikativ, tolerant.

        Das Blut der Eroberer und Handelspartner fließt in ihren Adern - Ägypter, Hethiter, Kreter, Phönizier, achäeische Griechen, bronzezeitliche Seevölker, Assyrer, Perser, Makedonen unter Alexander dem Großen, Römer, Araber, Kreuzfahrer wie Richard Löwenherz, Türken, Genueser, Mamelucken und Venezianer. Auch das fast hundertjährige britische koloniale Erbe macht diese Insel zum östlichsten Vorposten Europas im Mittelmeer.
Hier fühlt man den Atem der Geschichte. Die drittgrößte Mittelmeerinsel ist seit mindestens neuntausend Jahren bewohnt und ein Hort von Natur- und Kulturschätzen. Die schaumgeborene Liebesgöttin Aphrodite soll hier an Land gegangen sein. Mit ihr fügten die Griechen vermutlich die uralte orientalische Fruchtbarkeitsgöttin Ischtar der Babylonier, Astarte der Phönizier ihrem Göttersystem ein.

        Schroffe Gebirge wechseln mit der dazwischen liegenden fruchtbare Ebene Messaória, abrupte Felsküsten mit goldenen Stränden. Sportliche Wanderer schätzen die Trekking-Routen. Fauna und Flora mit zahlreichen endemischen Arten faszinieren jeden Interessierten. Der Geologe findet Serpentin, das sonst meist in unter 15.000 m Meerestiefe vorkommt, Asbest usw. Der Archäologe freut sich an frühesten Funden aus Stein- und Bronzezeit, der Kunstgeschichtler an edlen Stücken, die früh gegen Kupfer getauscht wurden. Denn die Insel war der größte Kupfer-Exporteur der Antike. Das Metall, griechisch Kypros, gab ihr auch den Namen.

        Die Lage Zyperns im Spannungsfeld Europas, Asiens und Afrikas und an den großen Seehandelsrouten hat zu einer bunten Geschichte und zeitweise zu märchenhaftem Reichtum geführt. Allerdings hat der Reichtum - zumindest im Norden - nicht die Geschichte überdauert. Denn wie schreibt Lawrence Durell in "Bittere Limonen"? "Die verschiedensten Invasionen brandeten gegen die Insel, nagten an ihr, türmten Monument auf Monument. Die Streitigkeiten der Fürsten und Reiche färbten sie mit Blut, erschöpften das Land und versahen es mit immer neuen Moscheen, Kathedralen und Festungen. In den Gezeiten der Geschichten und Kulturen war die Insel wieder und wieder der Fluchtpunkt, in dem Arier und Semiten, Christen und Moslems einander in tödlicher Umarmung begegneten..."

        In der Tat ist die tragische Insel auch in der neuesten Geschichte ein Lehrpfad politischer Fehleinschätzungen, Irrtümer, gelegentlich auch Verbrechen ihrer Bewohner und der Garantiemächte Griechenland, Türkei und Großbritannien. Besonders deren Versagen hat zu wiederholten Kämpfen zwischen den beiden religiös, sprachlich und kulturell verschiedenen Bevölkerungsgruppen (der griechisch-zyprischen 82%-Mehrheit und der zypern-türkischen Minderheit) geführt, schließlich 1974 zur Entsendung von Streitkräften der griechischen Obristen-Junta und daraufhin zum Einmarsch der türkischen Armee vom 65 km nahen Festland. Es folgte ein Boykott des Nordens durch die "Republik Zypern", also den griechisch-stämmigen Süden, durch Griechenland und fast alle anderen Länder der Welt, die der 1975 ausgerufenen "Türkischen Republik Nordzypern" die Anerkennung verweigern. Diese auf vielschichtigen Gründen beruhende Ächtung stört Exporte, Investitionen, verhindert internationale Darlehen und Entwicklungshilfe.

        Die Nord-Republik (mit 3.354 qkm etwa die halbe Größe von Rheinland-Pfalz) hat zwei Touristen-Pole: Gazimagosa im Osten, einst als Famagusta ein Strand der Reichen und Schönen dieser Welt, und Girne, das alte Kyrenia. Es ist die malerischste Stadt der Insel mit romantischem Hafen, altem Leuchtturm, "Kettenturm" (von hier wurde früher eine Kette zur Verteidigung gegen feindliche Schiffe gespannt), Luxus-Yachten der betuchteren britischen Expats, gigantischer Festung. Girne bietet auch Museen mit bemerkenswerten Ikonen in einer alten orthodoxen Kirche, mit einem 14m-Schiffswrack aus dem dritten vorchristlichen Jahrhundert, mit charmanter Volkskunst in einem ehemaligen Johannisbrot-Lagerhaus. In geringer Entfernung finden sich Klöster und Kreuzfahrer-Burgen in dramatischer Gebirgslage: St. Hilarion, Buffavento, Bellapais, die Abtei des Friedens.
Die Attraktionen von Famagusta-Gazimagosa an der Ostküste sind Altstadt mit enormen Festungsmauern wie "Othello-Turm" (ganz recht: hier lebte Shakespeares eifersüchtiger Mohr), Barnabas-Kloster mit einer Sammlung neuerer Ikonen und dem bemerkenswerten archäologischen Museum. Deprimierend ist hingegen ein Blick auf die Geisterstadt Varosha mit ihren Hotel-Wolkenkratzern, früher der mondäne Teil Famagustas, heute Sperrgebiet. Sálamis war das "Venedig der Levante", die im Jahrtausend vor und dem nach Christi Geburt vielleicht reichste Stadt der Welt. Die Ruinen liegen acht km außerhalb der Altstadt und sind erst zu zehn Prozent ausgegraben.

        Die 72 km zwischen Girne und Gazimagosa sind in einer Stunde auf guter Straße leicht für 1,50 € mit Bus oder "dolmus"-Sammeltaxi zurückzulegen. Während sonst im Orient Sammeltaxis eine abenteuerliche Angelegenheit mit oft langem Warten sind, bis der Fahrer seine Fahrgäste beisammen hat und sie dann in Cafés, Karawansereien, Kaschemmen zusammensucht, fahren hier schnelle Mercedes 300D-Stretch-Limousinen stündlich nach Fahrplan.

        Zwischen beiden Touristen-Polen liegt die Hauptstadt Lefkosa (Nikosia), natürlich ebenso leicht per dolmus zu erreichen. Mitten durch die Stadt verläuft die "grüne Grenze", die nebst 1.100 UN-Blauhelmen dieses (mit Korea) letzte geteilte Land trennt. Über den Checkpoint beim Ledra Palace Hotel kann man von Südzypern aus den Norden ein oder zwei Tage besuchen, nicht umgekehrt. Lefkosa bietet mit 40.000 Einwohnern wenig Hauptstadtflair, aber einige liebevoll renovierte alte Bauwerke, wie die Kultstätte der Tanzenden Derwische, Karawansereien, türkisches Bad, Lapidarium sowie andere Museen, die gotische Kathedrale und weitere Kirchen der Kreuzritter - sie wurden nach der osmanischen Eroberung 1571 in Moscheen mit aufgesetzten Minaretten umgewandelt. Von ihnen erschallt der Ruf des Muezzin zum Gebet.

        Etwa 50 km im Westen von Girne liegt Güzelyurt (griech.: Mórphou) inmitten von Orangen-, Zitronen- und Olivenpflanzungen. In der kleinen Stadt ist direkt neben dem interessanten archäologischen Museum das Kloster des Heiligen Mamas, des Schutzpatrons der Steuersünder, rmit prächtigen Ikonen zu besichtigen. Als Höhlenbewohner nahm er nicht am öffentlichen Leben teil und wollte daher auch keine Abgaben zahlen. Der König ließ ihn durch Soldaten vorladen. Auf dem Weg befreite er ein Lamm aus den Fängen eines Löwen und ritt auf der Bestie zum Palast. Prompt wurden ihm alle Steuerschulden erlassen.

Hl. Mamas
Der hl. Mamas (Ikone aus dem 17. Jh.)

        Zwölf km weiter sind die Ruinen von Soli mit spektakulären Mosaiken wie einem eleganten Schwan in der byzantinischen Basilika aus dem 5. Jahrhundert zu bewundern. Die Palastruinen von Vouni bieten einen weiten Blick übers Meer, bei klarem Wetter bis zur Türkei. Da die Gegend verkehrsmäßig weniger gut erschlossen ist, empfiehlt sich hier ein Mietwagen.

        Aufgrund seiner Insellage, der geringen Bevölkerungszahl und der relativ unauffälligen, aber starken Polizei- und Militärpräsenz von ca. 35.000 Mann gehört Nordzypern zu den sichersten Gebieten im Mittelmeerraum. Deshalb findet man neben vielen britischen Pensionären auch zahlreiche Deutsche, die sich auf der Suche nach 315 Sonnentagen im Jahr, preiswerten Häusern oder Wohnungen (ab ca. 17.000 €) und Steuerfreiheit hier niedergelassen haben. Dabei ist das "weiße Europäer-Dorf" Karaman besonders beliebt. Die zerfallenden Häuser wurden Ausländern gegen Übernahme der Renovierungskosten und 150 € Jahresmiete auf 49 Jahre vom Staat angeboten. Für viele erfüllte sich so ein Traum ihres Lebens, im sanften Rhythmus des Orients.

Tips for Trips:
Das Nordzypern Tourismuszentrum, Uto Hof, Baseler Str. 35-37, 60329 Frankfurt/M, Tel. 069-24007946, E-Mail: info@nordzypern-touristik.de, erteilt Informationen, verschickt reichhaltiges touristisches Material mit Landkarte und Stadtplänen, berät bei Buchung von Flügen und Pauschalreisen.

Flüge der Cyprus Turkish Airlines nach Ercan mit modernstem Gerät kosten je nach Saison ab 250 €, Flugzeit ca. 4 Stunden + 1/2 Std. obligate Zwischenlandung in Istanbul ohne Umsteigen. (Natürlich ist Istanbul auch eine der reizvollsten Destinationen der Welt für einen längeren Stopover.) Hotels etwa 12 bis 60 € für Übernachtung/Frühstück, oft auch Doppel für Einzel. Tipp: Halbpension meist nur 3-4 € mehr, also dann mit einem Vierstern-Buffet-Dinner bzw. serviertem Menu.

Personalausweis oder gültiger Reisepass ist bei der Ankunft vorzulegen. Der Passbeamte wird Sie fragen, ob Sie den Einreisestempel in Ihrem Paß oder auf einem getrennten Papier wünschen. Denn wenn Sie später einmal nach Griechenland oder Südzypern reisen, wird dort ein Paß mit TRNZ-Stempel nicht akzeptiert und die Einreise verweigert. Wegen der galoppierenden Inflation der hier gültigen Türkischen Lira werden Fremdwährungen wie DM, US-$ und Brit. Pfund gern angenommen. Das erspart dann das Umrechnen in die derzeit etwa 1,6 YTL für 1 €. Preise werden gelegentlich auch in Brit. Pfund ausgeschildert. Wechselkurse sind vor Ort um bis zu ein Drittel günstiger als in Deutschland. Mietwagen kosten ab 16 € pro Tag. Linksverkehr! Für einen großen, dekorativen und schmackhaften Teller "Fish and chips" mit Salat zahlt man im Polstersessel auf der Promenade des Bilderbuchhafens Girne im Kerzenschein ab 6 €. Da Nordzypern nicht Mitglied des Weltpostvereins ist, werden hier aufgegebene Briefe in vielen Ländern nicht ausgeliefert. (Deutschland, Österreich und die Schweiz sind rühmliche Ausnahmen.) Die abgestempelten hübschen Briefmarken sind daher bei Sammlern geschätzte Raritäten. Post nach Nordzypern muß mit "Mersin 10, Türkei" ohne "Zypern" adressiert sein, um nicht in der südlichen "Republik Zypern" zu landen und dort als unzustellbar behandelt zu werden.
Bevölkerungszahlen wie 200.000 für die TRNZ mögen im Hinblick auf politische Gewichtung bei zukünftigen Verhandlungen und ein weiteres Referendum über Wiedervereinigung, Einheitsstaat/Bundesstaat /Staatenbund in beiden Inselteilen etwas "geschönt" sein. Durch Förderung des Zuzugs sind inzwischen im Norden fast die Hälfte der Einwohner türkische Neusiedler vom Festland, zum großen Teil Landwirte aus Anatolien. Besuche zwischen Nord- und Südzypern sind über mehrere Grenzübergänge zu sich ändernden Bedingungen möglich.
Aussprache: Hauptstadt Lefkóscha (Nikosía), Flughafen Érschan, Sammeltaxi Dólmusch.

Klaus G. Müller, 2001


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