Zeltmacher in Kairo
Zeltmacher in Kairo
Es ist eine grosse, Jahrhunderte alte Tradition, die der Zeltmacher in Kairo. Als im 7. Jh. die Araber die Stadt gründeten, nannten sie diese fustat = Zelt wegen der Hunderte von Zelten, in denen die Soldaten hausten. Erst später unter den Fatimiden (Herrschergeschlecht einer schiitischen Sekte aus Tunesien, 769–1171, von "Fatima", der Tochter des Propheten, auf die es seine Abstammung zurückführte) erhielt sie den Namen Al-Kahira, die Siegreiche.
        Während der Fatimiden-Herrschaft wurde alljährlich zur Feier der Nil-Flut, wenn der Fluss während vier Monaten über die Ufer trat und seine wertvolle Fracht, den fruchtbaren schwarzen Schlamm aus Äthiopien im Fruchtgürtel anschwemmte, ein gewaltiges Zelt für den Kalifen und hundert Würdenträger hoch zu Pferde aufgestellt. Es war mit Goldfäden durchwirkt und mit Juwelen besetzt wie der Himmel mit Sternen. Fünfzig Handwerker sollen neun Jahre daran gearbeitet haben und einhundert Kamele waren für den Transport erforderlich. Es entstand in der Strasse der Zeltmacher in Kairo, der Sharia al-Khayimia, die auch heute noch fünfzig Werkstätten aufweist. Sie ist der einzige verbliebene überdachte Markt der Stadt im Viertel Khan-el-Khalili.
        Jahrhunderte lang wurde hier auch der wertvolle Brokat-Überhang für die Kaaba in Mekka, das erste Gotteshaus Adams mit dem heiligen schwarzen Meteoriten im Innenhof der grossen Moschee hergestellt. Kairo, nur Kairo hatte die Ehre, ihn alljährlich zur Verfügung zu stellen, wegen der Bedeutung seiner Al-Azhar-Moschee als höchster Instanz des islamischen Glaubens, der ältesten Universität der Welt von 975, aber auch wegen seiner handwerklichen Tradition und Qualität. Erst jüngstens, wegen der Staats-Verträge mit Israel, wurde diese Überlieferung Kairo entzogen und der Überhang wird nun in Saudi Arabien hergestellt.
        Die Technik der Zeltmacher ist buntes Appliqué oder Patchwork. Arabische Schriftzüge, Blumen, Vögel, geometrische Arabesken, Minarette, Betende, ganze dörfliche Szenen werden in farbigen Stoffen, gelegentlich Samt, auf weisse Stoffbahnen genäht. Früher wurden die Linien dieser Motive auf Papier aufgezeichnet und das Papier mit Nadeln entlang diesen Linien durchstochen. Dann wurde das Papier auf Stoff gelegt, mit gemahlener Holzkohle bedeckt und leicht beklopft. Die Holzkohle zeichnete durch die Löcher Muster auf Stoffe verschiedener Farben. Diese wurden ausgeschnitten und auf die Stoffbahn des Untergrundes genäht. In den entstandenen Festzelten werden bis heute Ereignisse wie Hochzeiten, Taufen, Beschneidungen, der Fastenbruch im Ramadan, Jagdpartys in der Wüste usw. gefeiert, bei Todesfällen 24-stündige Koran-Lesungen abgehalten. Die Zelte sind ein Symbol ägyptischer Gastfreundschaft und ihre fröhlichen Farben erinnern an freundschaftliche Zusammenkünfte, gute Gespräche, kulinarische Genüsse – besonders an das freudige Warten auf den allabendlichen Kanonenböller, der das Ende des Fastens im Monat Ramadan ankündigt und das Zugreifen auf hoch gestapelte Delikatessen freigibt. Maharba – willkommen!
        Auch diese Tradition musste der Moderne weichen. Zeltstoffe werden heute meist bedruckt, und die aufwendige Handarbeit des Patchworks bringt überwiegend Wandbehänge, Kissenbezüge und Bettdecken für Touristen hervor. Aber es gibt eine Renaissance: Neue Reiche aus den Ölstaaten am Golf leisten sich schon mal ein stilvolles Wüstenzelt aus traditionellem Appliqué für die Falkenjagd – natürlich aus der Sharia al-Khayimia in Kairo.
Klaus G. Müller, 2010

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