Mösogotische Runen
Obwohl die Goten bereits vorher eine Runenschrift besassen, wendete Bischof Wulfila (Vulfila, Ulfilas, 311-383 n. Chr.) bei seiner Übersetzung der Bibel in die gotische Sprache doch ein eigenes Alphabet an, daß eine Mischung griechischer, lateinischer und runischer Zeichen enthält. Die alten Runennamen wurden bis auf wenige Ausnahmen beibehalten und auch auf griechische Zeichen angewendet (wie Giba für g, im griechischen Gamma). Diese Namen scheinen älter als die gotische Sprache zu sein, da Sprachforscher sie nicht genügend erklären können.
Es ist wahrscheinlich, daß Wulfila die griechische und gotische Schrift derart vereinigt hat, daß, wo die Ähnlichkeit es gestattete, die griechischen Zeichen bevorzugt wurden. Möglicherweise nötigte auch die Mehrdeutigkeit der Runen zur Ersetzung durch griechische Buchstaben.
Das Alphabet diente zugleich zur Zahlenbezeichnung. Zur Erweiterung der Zahlen auf 900 wurde das lateinische q als 90, sowie die Tyr-Rune für 900 angenommen, welche beiden Zeichen keinen Lautwert hatten, da q bereits als Ziffer 6 und t als 300 vorkommt. Die Zahlen wurden mit Punkten oder Strichen eingeschlossen (·Π·) oder ein Strich darüber, manchmal auch darunter gesetzt.
Diakritische Zeichen waren nur die Punkte über dem ï. Als Interpunktionszeichen dienten ein oder zwei Punkte.
Name Zeichen Wert Ziffer Zahlwort   Name Zeichen Wert Ziffer Zahlwort
Aza, a a 1 áins   Uraz u 70 sibuntēhund
Bercna b 2 twái   Pertra p 80 ahtautēhund
Geuua g 3 þreis   Koppa 90 niuntēhund
Daaz d 4 fidwōr   Reda r 100 taihuntēhund
Eyz e 5 fimf   Sugil s 200 twa hunda
Quetra q 6 saihs   Tyz t 300 þria hunda
Ezec z 7 sibun   Y, Uuinne (v)w 400 fidwōr hunda
Haal h 8 ahtau   Fe f 500 fimf hunda
Thyth þ 9 niun   Enguz χ 600 saihs hunda
Iiz, Fiz i 10 taihun   Uuaer, Hvair hv 700 sibun hunda
Chozma k 20 twai tigjus   Utal o 800 ahtau hunda
Laaz l 30 þreis tigjus   Sampi   900 niun hunda
Manna m 40 fidwōr tigjus       1000 þūsundi
Noicz n 50 fimf tigjus         10000 taihun þūsundjos
Gaar j 60 saihs tigjus   t&h ·      
Wulfila wurde durch seine Mutter, die von Kriegsgefangenen aus Cappadocien abstammte, schon als Kind christlich erzogen.
Er wirkte zunächst als Lektor. 341 n. Chr. wurde er in Antiochien - dem heutigen Antakya in der Türkei - zum Missionsbischof für die Goten geweiht.
Er vertrat ein Christentum, das sich weitgehend an den Arianismus anlehnte; die Goten waren denn auch für lange Zeit die bedeutendesten Vertreter dieser von der Kirche bekämpften Form des Glaubens.
Er wirkte zunächst sieben Jahre bei den Westgoten und musste dabei manche Verfolgung erdulden, dann 33 Jahre lang bei den christlichen Goti minores (Kleingoten), auch Mösogoten nach ihrem Wohnsitz in Mösien genannt, auf dem Balkan, die ihn zum Richter und geistlichen Oberhaupt ernannten.
Hier entwickelte Wulfila eine neue Schrift für die gotische Sprache, die anders als die üblichen Runen auch auf Pergament geschrieben werden konnte, und übersetzte um 369 n. Chr. die Bibel ins Gotische. Diese Bibelübersetzung wurde bei den West- und Ostgoten wie bei den Vandalen benutzt und bildete eine wesentliche Grundlage für die Germanenmission.
Abgesehen von ein paar Runeninschriften ist diese Wulfilabibel die älteste bewahrt gebliebene Schrift im Gotischen und in einer germanischen Sprache überhaupt. Wulfila übersetzte auch das Vaterunser in die gotische Sprache und legte mit seinem "Atta unsar, thu in himinam" den Grundstein für unser deutsches Vaterunser.

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